Stift Bassum: Gipsestrich St. Mauritius & St. Viktor

Der mehrfarbige Gipsinkrustations-Fußboden befindet sich im Chorraum der Stiftskirche St. Mauritius und St. Viktor in Bassum. Seine Besonderheit liegt in der starken Polychromie und der Feinheit seiner Inkrustationen, die ihm einen herausragenden kunsthistorischen und denkmalpflegerischen Stellenwert verleihen.

Die Darstellungen im Chor sind als mehrfache Kreisform in einem Quadrat angelegt. Figürliche Darstellungen, florale und symbolische Ornamentik sowie Schriftbänder bilden eine zentrierte, ausgewogene Symmetrie.

Der Fußboden entstand im Zuge einer Kirchenrenovierung zwischen 1860 und 1869 unter Conrad Wilhelm Hase. Die Ausführung des Gipsinkrustations-Fußbodens oblag dem hannoverschen Bildhauer Theodor Maßler, der wenige Jahre zuvor auch den Gipsfußboden der Kirche in Bücken ausgeführt hatte. Bereits in den 1920er Jahren wurden gravierende Schäden am Fußboden festgestellt, so dass es 1927–29 zu einer ersten Restaurierung durch den hannoverschen Bildhauer Friedrich Buhmann kam.

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Material und Werktechnik
Als Bindemittel konnten wir Hochbrandgips nachweisen. Hochbrandgips erzielt bei der Aushärtung Festigkeiten, die nahezu mit denen von Zementbindemittel vergleichbar sind. Durch Brenntechnik und Befeuerung entsteht ein inhomogener Brand mit Temperaturen zwischen 200 und 1000°C und somit ein Gemisch aus unterschiedlich stark gebranntem Gipsgestein.

Auf einer Sandschüttung befindet sich der zweischichtig aufgebaute Gipsestrich. Auf der unteren, unpigmentierten Schicht wurde die obere Schicht entsprechend der Feldeinteilungen und Farbigkeiten aufgebracht. Es wurden definierte Flächen im jeweiligen Lokalton ausgelegt. Sobald der Gips erstarrt war, konnte die nächste Form eingeschnitten und mit andersfarbiger Gipsmasse ausgelegt werden. Dieser Arbeitsschritt musste für jede weitere Farbe bzw. Form wiederholt werden.

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Bestand und Erhaltungszustand
Der Fußboden in Chor und Apsis wies einen bauzeitlichen Bestand von ungefähr 50% auf. Der restliche Bestand stammte überwiegend aus der Restaurierung der 1920er Jahre. In den Randbereichen von Chor und Apsis lagen zementhaltige Reparaturen vor, die in Materialeigenschaften, Oberflächentextur und Farbe stark vom übrigen Bestand abwichen.

Der Fußboden wies Hohlstellen, Risse, Höhenversprünge, Ausbrüche und lose Segmente auf. Bestehende Ausbrüche waren überwiegend durch Notsicherungsmörtel geschlossen, wenige kleine Fehlstellen liesen sich feststellen. In vielen Zonen waren oberflächenparallele Abplatzungen von wenigen Millimetern erkennbar. Partiell war die Oberfläche durch Abrieb stark reduziert oder die Inkrustationen nur noch als hauchdünne Schichten erhalten. Die Oberfläche war insgesamt stark verschmutzt und zerkratzt.

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Konservierung und Restaurierung
Die konservatorisch-restauratorische Bearbeitung umfasste die Reinigung, die partielle Festigung, die Hinterfüllung von Hohlstellen, die Refixierung von losen Inkrustationen und Fragmenten sowie deren Ergänzung. Zudem haben wir einen stark verworfenen Bereich in der Apsis aufgenommen und wieder niveaugerecht platziert.

Die wichtigste Aufgabe lag jedoch in den zahlreichen Ergänzung, die wir ausschließlich mit Hochbrandgips ausführten. Bei der Ergänzung der Inkrustationen der Binnenflächen folgten wir werktechnisch dem Bestand, indem wir diese ausarbeiteten und mit den jeweiligen Gipmassen einlegten. Die Farbigkeit stimmen wir mit Trockenpigmenten auf die historischen ab.

Zudem mussten die Zementergänzungen der 1920er Jahre in den Randbereichen von Chor und Apsis entfernt werden, da diese nicht nur visuell störten, sondern ein echtes Schadenspotential darstellten. Hierdurch kam es zu weiteren Fehlstellen. Mehrere Medaillons in den Eckbereichen des Chors waren nur zu geringen Teilen erhalten und die Ornamente beschnitten. Hier entschied man sich, die Gipsergänzungen im Lokalton auszuführen und die fehlenden Darstellungen anschließend malerisch mit Acrylfarben zu rekonstruieren. Alle Ornamente und figürlichen Darstellungen konnten anhand erhaltener Motive kopiert werden.

An der Nordseite des Chors, wo sich eine etwa eineinhalb Quadratmeter große Zementergänzung befand, liegt der Zugang zur Sakristei. Hier fehlte ein Teil der Innenrahmung des Fußbodens und außerdem das gesamte umlaufende Band mit Ranken und Figuren. Diese Zone unterliegt als Durchgangsbereich relativ starker Abnutzung, weshalb eine Bemalung nicht in Frage kam. Stattdessen haben wir hier Rahmungen und Streifen in Inkrustationstechnik rekonstruierend ergänzt, so dass das Gliederungsschema des Fußbodens nicht durchbrochen wird. In der Innenfläche des Bandes erfolgte hingegen eine monochrome Ergänzung im Lokalton ohne Rekonstruktion der Ornamente.

Letztlich haben wir die sehr verschiedenartigen und unterschiedlich großen Fehlstellen mit drei verschiedenen Methoden der Ergänzung bearbeitet — und so für jede Stelle die jeweils beste Lösung gefunden.

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Auftraggeber: Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Amt für Bau- und Kunstpflege
Datierung: 1868–69